Ein Appell, digitales Lernen in die eigenen Hände zu nehmenAuf dem Weg zum Frontalunterricht 4.0?

Der „Digitalpakt“ ist endlich durch! Es wird wohl noch etwas dauern, bis die Mittel wirklich fließen. Doch um digital mit der Welt mitzuhalten, sind die Schulen jetzt am Zug. Denn ihre Digitalisierung ist eine Aufgabe mit überragender Priorität ist. Sie sollten die jetzige Situation zum Anlass nehmen, um ernsthafte Schul-Entwicklung hin zur Integration von digitalem Lernen zu machen. Dabei sind zwei Themenfelder zentral: Selbst-Ermächtigung und Unterrichtsentwicklung.

Frontalunterricht mit Whiteboard

© geralt/Pixabay

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Was bedeutet „Selbstermächtigung“?

Machen wir uns nichts vor: Ein Großteil des Unterrichts an weiterführenden Schulen in Deutschland ist noch immer fragend-entwickelnder Frontalunterricht am Schulbuch entlang. Auch wird ein Großteil der schulinternen Lehrpläne mindestens entlang der vom Schulbuch vorgegebenen „Stoffe“ formuliert, gern mithilfe der Kompetenz-Hinweise am Seitenrand, wenn nicht gleich ganz von Schulbuchverlagen angebotene Vorlagen übernommen werden. Ein ernsthafter Diskurs über Unterricht, der nicht auf Pausen- oder Flurgespräche oder auf eilig abgewickelte Konferenzen beschränkt ist, findet kaum statt. Die nach der Referendarzeit sicher vorhandene Kompetenz „Planung von Lernvorhaben“ schrumpft. Gleichzeitig kann man beobachten, dass pädagogische Kernthemen, wie selbstgesteuertes Lernen, Individualisierung von Lernprozessen, Kooperatives Lernen, Lerncoaching, aus denen in den letzten Jahren zarte Pflänzchen der Unterrichtsentwicklung entstanden sind, wieder zu vertrocknen drohen. Die Arbeit des Nachdenkens über Unterricht sollten die an Schule Beteiligten aber selbst übernehmen!

Bei der Digitalisierung werden neben Schulbuchverlagen vor allem Player im digitalen Geschäft erhebliche Anstrengungen unternehmen, um möglichst viel an den zur Verfügung gestellten Finanzmitteln zu partizipieren. Sie werden rasch mit „Komplettpaketen“ in den Konkurrenzkampf gehen. Die schon im Gange befindliche Erosion der Planungs-Kompetenz von Lehrerkräften (und genau so wichtig: auch der Schüler/innen) wird dann voranschreiten. Die Chance, dass dabei ein verantwortungsvolles, selbst-bewusstes und kluges – also kompetentes – Umgehen mit der digitalen Welt in allen möglichen Lebensbereichen entsteht, ist eher gering. Genau solch kompetentes Umgehen mit der digitalen Welt aber ist angesichts der schon sichtbaren und der zu erahnenden politischen, gesellschaftlichen und natürlichen Prozesse in der Welt geradezu überlebenswichtig. Die Rolle der digitalen Medien bei der Wahl von Menschen wie Trump oder Bolsonaro, diverse Enthüllungs- oder Pseudo-Enthüllungs-Skandale im Zusammenhang mit Social Media, Fake-News, behaupteten Fake-News … all das ist nur ein kleiner Teil dessen, was in der digitalen Welt Alltag prägt. Diesen Alltag kompetent zu gestalten ist sicher eine der wichtigsten Aufgaben von uns allen, schon jetzt und in der nahen Zukunft. Schule muss hier einen entscheidenden Beitrag leisten. Und zwar in erster Linie von Lernenden wie Lehrkräften selbst. Das heißt: Schüler/innen und Lehrer/innen müssen wieder stärker sich darauf besinnen, selbst Vorhaben zu planen, die im Schulalltag und in den schuleigenen Lehrplänen verankert sind. Schüler/innen und Lehrkräfte und Schulleitungen müssen selbst aktiv, initiativ, aufbauend, digital kompetent, in Teams vernetzt, selbstkritisch und auf Zukunft bedacht arbeiten. Die Menschen in der Schule müssen jetzt selbst Player werden. Dazu sind Ansätze, die es in einer Schule schon gibt, systematisch zu sichten, ausführlich kritisch zu diskutieren, auszubauen und schrittweise im Schulalltag zu verankern. Sie müssen sich selbst ermächtigen, dieses zentrale Zukunftsthema anzugehen. Dann können sie mit viel mehr Anspruch und klarerem Leitbild kommerzielle Hilfsangebote prüfen und in Anspruch nehmen. Bei diesem Prozess kommt es nicht darauf an, schon am Anfang schlüssige theoretische Gesamtkonzepte zu konstruieren. Es kommt vielmehr darauf an, das, was es an Können und an Erfahrungen innen an einer Schule schon gibt, aufzugreifen und davon ausgehend sich schrittweise weiterzuentwickeln. Es kommt darauf an, die Selbst-Ermächtigung lebendig zu erhalten.

Was bedeutet Unterrichtsentwicklung in diesem Zusammenhang?

Der schon erwähnte fragend-entwickelnde Frontalunterricht prägt immer noch die vorherrschende Vorstellung von Unterrichtsgeschehen. Selbst so ein einfaches Signal wie das Foto, mit dem z.B. die Tagesschau ihren Beitrag über den Digitalpakt aufmacht, spricht eine eindeutige Sprache. Es zeigt ein „Vorne“ (der Bildschirm, vormals Tafel), ein „Hinten“ (die Kinder in Sitzreihen), eine Lehrerin und einen Schüler, der von jener „drangenommen“ wurde. Der Schüler erklärt vorne etwas. Möglicherweise muss er Bilder in die richtige Reihenfolge bringen (ein „Arbeitsblatt-Klassiker“). Gleichzeitig zeigen andere Kinder auf, die auch „drankommen“ wollen. Vielleicht können sie es besser als der Junge vorn, der vielleicht gerade einen Fehler gemacht hat. Vielleicht hat die Lehrkraft schon angekündigt, dass ein anderes Kind gleich weitermachen soll, usw., usw. Das Szenario ist altbekannt.

Digitale Medien sind prädestiniert für eine Perfektionierung dieser Art von Unterricht, denn die technische Qualität der „Tafel“ ist um ein Vielfaches gesteigert. Je nach Unterhaltsamkeit der Animation und je nach Qualität der Interaktivität der – vermutlich von Profis verkauften - Bildschirm-Inhalte beschränkt sich die Aktivität noch mehr auf kleine steuernde Impuls, z.B. das „Drannehmen“. Selbst das könnte entfallen, wenn die Lernenden in der begleitenden Software auf dem Tablet, das ihnen von der Firma X gestellt wurde, schnell genug den entscheidenden „Weiß-Ich!“-Button drücken.

Es ist nicht unrealistisch, die Entwicklung zu einem die entmündigenden Aspekte stärkenden Frontalunterricht 4.0 zu befürchten, wenn nicht die Akteure in der Schule ernsthaft an anderen pädagogischen Konzepten arbeiten. Ein nur perfektionierter und damit pervertierter Frontalunterricht führt nicht zu einem liebenden, integrativen humanistischen Menschenbild, zu demokratischem Grundverständnis, zu einer selbstverständlichen und als Vorteil empfunden Sozialität im Erfahren und Handeln und zu einer klugen Skepsis gegenüber digitalen Inhalten! All dies aber wird zwingend von uns allen verlangt, wenn wir uns nicht komplett den Algorithmen ausliefern wollen.

Die heutigen digitalen und medialen Möglichkeiten sind wundervoll. Wahrscheinlich könnte man sogar viele bedrückende Menschheitsprobleme mit ihnen lösen. Das aber verlangt Menschen, die kompetent, klug und verantwortlich mit eben diesen Möglichkeiten umgehen, sie nutzen, und sich ihnen nicht ausliefern. Dazu müssen die Menschen Gelegenheiten gehabt haben, an eigenen Vorhaben auch (!) mit digitalen Mitteln zu arbeiten, in Teams, mit der Gelegenheit, Verantwortlichkeit zu erleben, zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Digitale Möglichkeiten müssen eine positive Rolle im sozialen Miteinander spielen.

So gedacht, wäre ein verantwortungsvoller Umgang mit der Frage „Wie wollen wir selbst als Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern in unserer Schule Arbeit mit digitalen Möglichkeiten gestalten?“ auch eine sinnvolle Umsetzung des Gedankens der Kompetenzorientierung, der nach der ersten PISA-Studie einmal angetreten war, das Lehren und Lernen in Deutschland grundsätzlich zu verändern.

Ja, dies ist ein Appell: Gestalten wir selbst an unserer Schule digitale Aufbruchstimmung!

Martin Gehrigk war Lehrer für Deutsch und Musik an einer Gesamtschule im Ruhrgebiet sowie berufsbegleitend Fortbildungs-Moderator mit den Schwerpunkten „Kompetenzorientierung“, „Individualität des Lernens“, „Schulentwicklungsberatung“, seit 2018 ist er im Ruhestand.

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