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Balance zwischen Rolle und PersönlichkeitSich selbst nicht verlieren im Kontakt mit anderen

Im professionellen Bereich ist es wichtig und notwendig, nicht nur seine berufliche Rolle auszufüllen, sondern auch als Person authentisch und anwesend – also präsent – zu sein. Nur dann kann eine Beziehung zwischen zwei Personen entstehen, nur dann kann ich Eindruck machen mit meinem Standpunkt.

Eine Person sitzt in weißem Schalensitz vor leerer Tafel. Die Perspektive ist zentral.

Ein Balanceakt zwischen beruflicher und privater Person. Foto © geralt/Pixabay

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„Nimm dich selbst wahr,

und wo du dich findest, da lasse dich.“

Meister Eckhart

 

Im professionellen Bereich ist es wichtig und notwendig, nicht nur seine berufliche Rolle auszufüllen, sondern auch als Person authentisch und anwesend – also präsent – zu sein.

Authentisch bleiben kann nur, wer sich selbst kennt

Nur dann kann eine Beziehung zwischen zwei Personen entstehen, nur dann kann ich Eindruck machen mit meinem Standpunkt. Gleichgültig, ob ich im Gespräch mit Eltern bin, es mit einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern oder mit Lehrkräften zu tun habe. Es kommt darauf an, dass ich gleichzeitig mich selbst mit meinen Grenzen, Bedürfnissen und Standpunkten und den oder die anderen mit ihren Grenzen, Bedürfnissen und Standpunkten wahrnehme und ernst nehme. Dazu muss ich mich selbst mit meinen authentischen Grenzen und meinen erworbenen „Überlebensstrategien“ gut kennen.

Für Lehrerinnen und Lehrer wie auch Personen in der Schulleitung mag es ungewohnt sein, sich mit sich selbst zu beschäftigen – richtet sich doch ihr Fokus meistens auf Lehrkräfte, Lernende oder Eltern und ihre Reaktionen. Und da sie selbst im Konfliktfall oft eher institutionelle als persönliche Grenzen (z. B. Schulordnung oder Lehrplan …) vertreten, kann man sich als Person hinter diesen institutionellen Vorgaben manchmal auch gut verbergen. Damit erspart man sich, über deren Sinn und Unsinn zu reflektieren und zu debattieren – allerdings schwächt man damit seine persönliche Autorität und erschwert den Aufbau einer Beziehung.

Was bedeutet das konkret im Schulalltag?

Die meisten Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob jemand im Kontakt authentisch bei sich ist (das ermöglicht Vertrauen) oder ob jemand pseudofreundliche Floskeln aus dem Handbuch für Elterngespräche ausspricht und im Stillen das Gegenteil denkt, weil man z. B. beim letzten Gespräch genervt war, weil eine Mutter einem ständig ins Wort gefallen ist, alles besser wusste und haltlose Unterstellungen vorgebracht hat.

Natürlich ist es nicht professionell und auch wenig hilfreich, diesen Ärger ungefiltert auszudrücken (der Mutter „um die Ohren zu hauen“). Professionell wäre es, wenn Sie ggf. mithilfe von kollegialer Reflexion herauszufinden versuchen, was genau passiert ist. Haben Sie vielleicht zugelassen, dass die Mutter Ihre Grenzen überschritten hat und waren Sie nicht geistesgegenwärtig genug, um sich dagegen zu schützen? Ärgern Sie sich womöglich sogar über sich selbst? Die Herausforderung besteht darin, seine eigenen Grenzen und seine eigene Würde zu schützen, ohne die Grenzen oder die Würde des anderen zu verletzen. Das haben die meisten von uns nicht gelernt und deshalb müssen wir auch mit uns selbst geduldig sein, wenn es noch nicht gelingt, und wir können dann bei der nächsten Gelegenheit einen neuen Versuch machen. Ein geschütztes Übungsfeld könnte z. B. eine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen im Rahmen von Supervision oder Intervision bieten. Viele Schulleiterinnen und Schulleiter haben auch gute Erfahrungen mit sog. critical friends gemacht.

Seien Sie freundlich, wenn Sie wirklich Freundlichkeit empfinden, und treten Sie klar und bestimmt auf, wenn es notwendig zu sein scheint.

Um diese Klarheit und Bewusstheit zu entwickeln, sollten Sie nicht nur Zeitfenster für Ihre täglichen Aufgaben einplanen, sondern kleine und größere Gelegenheiten schaffen, um sich selbst als Person vorzubereiten und weiterzuentwickeln.

Und: Wenn Sie bei diesen Gelegenheiten Seiten von sich selbst wahrnehmen, die Sie nicht so gern mögen oder die Ihnen sogar sehr unangenehm bis peinlich sind: Seien Sie sich selbst gegenüber mindestens so verständnisvoll wie (hoffentlich) mit Ihren Schülerinnen und Schülern und den Mitgliedern des Kollegiums. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern sich selbst kennenzulernen. Und nur die Seiten von mir, die ich wahrnehmen und annehmen kann, können sich dann auch möglicherweise verändern.

Dieser Text ist eine überarbeitete Version, das Original finden Sie in Klasse leiten 2

Zum Schule-leiten-Heft „Schulleitungen unterstützen – Hilfe zur Selbsthilfe“

 

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