Allgemeinbildung im EinwanderungslandPlädoyer für eine starke Demokratieerziehung

Migration wird in einer globalisierten Welt auch in Zukunft der Normalfall bleiben. Die Gesellschaften Europas betrachten dieses permanente Phänomen ambivalent. In diesem Zusammenhang ist besonders zu betonen, dass (Allgemein-)Bildung sowohl Teilhabeprozesse als auch die Anerkennung von Vielfalt fördern sollte. Das ist auch für den Umgang mit Vielfalt in der Schule elementar.

Gerade um der Vielfalt in unseren Schulen zu begegnen, ist Demokratiebildung wichtig. Und sie kann auch an Gedenkstätten, wie hier dem Holocaust-Mahnmal in Berlin, stattfinden.

Schulklasse am Holocaust-Mahnmal. © wal_172619 / Pixabay

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Allgemeinbildung als Allgemeinwissen: Vielfalt ist nicht kanonisierbar

In einer immer pluraler werdenden Welt und im Zuge eines immer größeren Wissenszuwachses ist ein Wissenskanon kaum realisierbar, auch wenn er gerade deswegen attraktiv erscheinen mag. Nicht zuletzt hinsichtlich dichotomer kultureller Orientierungen wird bei der Suche nach dem Allgemeinwissen in der Einwanderungsgesellschaft schnell deutlich, dass sich gerade für die Gesellschafts- und Sozialwissenschaften wie Politik, Geschichte, Geographie, Ethik, Soziologie, Wirtschaft, aber auch für die (Fremd-)Sprachen kaum überschaubare Kontroversen aufdrängen, was das „richtige“ Wissen ist. Die Lehrpläne dieser Fächer werden immer wieder auch wegen ihrer eurozentristischen Ausrichtung kritisiert. Da Schule im Zuge der Enkulturationsfunktion auch der Kulturüberlieferung dienen soll, drängt sich die Frage auf, von welcher und von wessen Kultur die Rede ist. Die Antwort kann kaum in der bis dato inhaltlich unklaren „christlich-jüdisch-abendländischen Leitkultur“ liegen. Schließlich stammt laut Bildungsbericht mittlerweile jedes dritte Kind unter zehn Jahren, in den großen Städten jedes zweite aus Elternhäusern mit Migrationsbezügen, welche eher nicht christlich, jüdisch, abendländisch sind.

Überhaupt gestaltet es sich mit dem Begriff Kultur im Schulwesen schwierig, sobald mit ihm Stereotypisierungen einhergehen und die Identitäten der Schüler*innen quasi „Kultur-Containern“ zugewiesen werden. Selten haben diese etwas mit deren häufig hybriden und transnationalen Identitäten zu tun. Ein wie auch immer gearteter Wissenskanon steht somit dem Prinzip der Schülerorientierung entgegen. Dabei kann diese gerade in immer vielfältiger werdenden Klassen als ein zentrales Zugangsmoment für Inhalte und Themen fungieren. Und soweit es unterrichtspraktisch realisierbar ist, eröffnen sich mit entsprechenden Formen der Mitbestimmung von Lernenden demokratiebildende und Selbstwirksamkeit fördernde Elemente. Eine demokratische Unterrichts- und Schulkultur fördern das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft sicher mehr als Diskussionen zur Leitkultur.

Allgemeinbildung für Inklusion und Demokratie in Vielfalt

Ein Bewusstsein dafür, dass Demokratie – online und offline – gelernt werden muss, ist für geraume Zeit in den Hintergrund geraten. Demokratiebildung scheint aber ein zentraler Teil für eine Allgemeinbildung in der Einwanderungsgesellschaft zu sein. Dies trifft ebenso auf die barrierefreie Teilhabe (Inklusion) durch die individualisierte und differenzierte Förderung von Kompetenzen zu. Das heißt zusammenfassend: Der Abbau von Disparitäten und abwertenden Einstellungen als zentrales Ziel von Allgemeinbildung in der Einwanderungsgesellschaft ist eine relevante Basis, wenn wir in Vielfalt Demokratie und Gesellschaft gestalten wollen.

Dass Inklusion und Demokratie in Vielfalt zentrale Bildungsthemen sein sollten, machen auch die Ergebnisse der von Januar bis März 2019 erhobenen 18. Shell Jugendstudie deutlich. Zwar ist die Zufriedenheit mit der Demokratie bei den meisten befragten zwölf- bis 25-Jährigen (75 %) hoch, ebenso ihr Interesse an Politik. Doch kannauch eine gewisse Anfälligkeit für rechtspopulistische Aussagen festgestellt werden. So stimmen mehr als zwei Drittel der Aussage zu, dass man nichts Negatives über Ausländer*innen sagen dürfe, ohne als Rassist*in zu gelten. Wichtig dabei: Je höher die Bildung der Jugendlichen, desto tendenziell weltoffener sind sie  und umgekehrt.


 

Allgemeinbildung

Den ganzen Aufsatz und mehr zum Themenkomplex Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule finden Sie in diesem Heft.

 


Mehr zum Thema:

Zusammenfassung der 18. Shell Jugendstudie, Oktober 2019

Neue Studie der Autorin zur politischen Bildung an Schulen

Zur Autorin:

Prof. Dr. Sabine Achour ist Lehrstuhlinhaberin für politische Bildung und Politikdidaktik am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

 

 

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