1. – 4. Schuljahr

Doris Ayaita, Katrin Knoche

Wirrwarr im Kopf auflösen

Integration erfordert individuelles Eingehen

Wirrwarr im Kopf: Wenn arabisch alphabetisierte und sozialisierte Kinder und Jugendliche Probleme mit Lehrstoff und Umgangsweisen haben, kann das unterschiedlichste, ungeahnte Ursachen haben. Damit die zuständigen Lehrkräfte hier auf detektivische Spurensuche gehen können, braucht es eine besondere Form des differenzierten Unterrichts, von dem die ganze Schulgemeinde profitieren könnte. Zwei Fallbeispiele machen das deutlich.

Fallbeispiel 1: Mohamed1
Mohamed ist elf Jahre alt und besucht die 5. Klasse. Er kam vor knapp zwei Jahren aus dem Irak. Er ist er noch unsicher in der deutschen Sprache, u.a. auch bei Zahlwörtern. In seiner Muttersprache zählte er jedoch flüssig, auch in Sprüngen. Dies konnte er mathematisch einwandfrei, was durch eine Verschriftlichung überprüft wurde.
Im Rahmen einer Förderstunde im Bereich Mathematik bekam Mohamed die Aufgabe 45 + 28. Er wurde aufgrund der Sprachschwierigkeiten gebeten, in seiner Muttersprache im Kopf zu rechnen, den Rechenweg und das Ergebnis aber auf Deutsch zu sagen oder aufzuschreiben. Er überlegte einige Zeit und sagte dann langsam: „Zweiundvierzig. Er notierte: „42. Damit schien klar, dass er auch wirklich die 42 meinte. Er erklärte dazu, dass er zunächst 40 + 20, dann 5 + 8 gerechnet habe. Daraufhin wurde er aufgefordert, die Aufgabe mit dem Abakus zu rechnen2, wobei er richtig die 73 einstellte. Da er jedoch weiterhin auf der „42 beharrte, durfte er die Aufgabe noch einmal mit den Mehrsystemblöcken3 legen, wobei sein oben verbal beschriebener Rechenweg deutlich zu erkennen war. Er bestand jedoch weiter auf dem Endergebnis „42. Es wurden dann gemeinsam die 7 Zehner und 3 Einer durchgezählt: 73. Er stutzte einen Moment, überlegte, schien dann verwirrt und hielt schließlich an der „42 fest.
Fallbeispiel 2: Ahmed
Ahmed, zwölf Jahre alt, 6. Klasse, ist seit 18 Monaten in Deutschland. Er kommt aus einer ursprünglich wohlhabenden und gebildeten syrischen Familie. Ahmed ist aus arabischer Sicht sehr wohlerzogen. Dazu gehört insbesondere, dass er Erwachsenen gegenüber sehr höflich auftritt. In Unterhaltungen spricht er sehr leise und blickt dabei meist auf den Boden. Nach einer Unterrichtsstunde ist er in eine Prügelei verwickelt, immer wieder schlägt er zu und ist kaum zu bändigen. Die Schulleitung berichtet, dass er nachmittags bereits häufiger aggressiv geworden sei. In einem persönlichen Gespräch öffnet sich Ahmed vorsichtig. Er berichtet, dass einige Jungs aus seiner Klasse seiner Mutter unterstellen würden, mit anderen Männern „rumzumachen. Diese Beleidigung könne er nicht stehen lassen. Darauf angesprochen, dass körperliche Gewalt bei uns nicht toleriert wird, befindet er, das sei ihm egal, er würde auch wieder zuschlagen. Ihm droht ein Schulverweis.
Erklärungen und Schlussfolgerungen: Mohamed
Die Schwierigkeiten Mohameds lassen sich recht einfach über die Zahlensymbolik erklären. Im Irak benutzt man nicht die sog. arabischen, sondern die indisch-arabischen Ziffern:
Dort sieht die „4 aus wie eine spiegelverkehrte 3 und die „2 wie eine spiegelverkehrte 7. Mohamed erhält dann : Liest man nun diese Zahl von rechts nach links, entspricht sie 73 das korrekte Ergebnis!!
Kein Wunder also, dass Mohamed auf seinem Ergebnis bestand. Was ist also in seinem Kopf geschehen? Er hat richtig gerechnet, kam auf das Ergebnis 73. Allerdings liest er die Zahl in seiner indisch-arabischen Weise von rechts nach links. Schließlich übersetzt er die Zahl in die arabische  – uns vertraute Lesart und kommt so auf die 42. Diese Zahl nannte er als Ergebnis.
Fazit
Mohamed konnte die Aufgabe rechnerisch problemlos lösen. Es wird jedoch deutlich, wie sehr er seine Schulzeit in der Heimat und die jetzige vermengt, sich teilweise von ihr abgelöst hat, aber noch lange nicht hier angekommen ist. Wir haben es mit einem normal begabten Kind zu tun, das...

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